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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

eine neue Bundesregierung ist gewählt. Welchen Weg sie einschlagen wird, ist noch offen, aber trotzdem stellen sich Fragen, kommen Wünsche auf und sollten vielleicht auch Forderungen formuliert werden. Dazu möchte ich im Dialog mit Laura Schuster als amtliche Tierärztin, Sachgebietsleiterin und eine Vertreterin der
nachfolgenden Generation Fragen aufwerfen und Antworten zur Diskussion stellen.

Vogel:
Welche Erwartungen gibt es in Bezug auf die amtstierärztliche Tätigkeit an eine neue Regierung?

Schuster:
Was ich mir wünsche: Eine Politik, die ihrer legislativen Verpflichtung nachkommt. Die dafür sorgt, dass grundsätzliche Entscheidungen im Rahmen der Gesetzgebung geklärt werden. Ich denke hier insbesondere an die Tiertransporte. Der Bund muss endlich klar Stellung beziehen – pro oder contra – und dann soll dies gegenüber den Ländern und der Öffentlichkeit auch deutlich formuliert werden. Wir müssen weg vom politischen Wünsch-Dir-Was ohne Substanz und wir sollten nicht zum Spielball wirtschaftlicher Interessen, die im Übrigen auch NGOs haben, werden. Ich wünsche mir eine Politik des Sachverstandes, weiter weg von wirtschaftlich motiviertem Lobbyismus und Populismus. Und vor allem wünsche ich mir die Rückkehr zur demokratischen und toleranten Solidargemeinschaft.

Vogel:
Was ist notwendig bzw. wünschenswert?

Schuster:
Um auch Beispiele für ganz praktische Dinge zu nennen:
– Die Änderung der Stückvergütung im TV-Fleisch für kleine Schlachtstätten und Hausschlachtungen hin zu einer Vergütung in Höhe der GOT, jedoch nicht ohne die Kreise und Städte gegenzufinanzieren – zumindest, wenn wir den Erhalt des ländlichen Raumes und der regionalen Landwirtschaft/ Vermarktung tatsächlich wollen. Wir müssen uns von der 100%igen Geührenfinanzierung in diesem Bereich verabschieden.
– Endlich eine nationale Umsetzung des AHL – der aktuelle Zustand ist eine Zumutung.
– Echte Kinderfreundlichkeit. Wir werden ein zunehmend weiblicher Berufsstand, aber nicht nur wir. Die Kinderbetreuung muss sichergestellt sein. Es geht nicht um immer mehr finanzielle Leistungen bzw. Entlastungen. Es geht um tatsächliche Infrastruktur.

Vogel:
Wie sollte der Umgang der Tierärzte miteinander sein?

Schuster:
Ich wünsche mir kein berufspolitisches Gegeneinander – weder zwischen Praktikern und Amtstierärzten noch zwischen Ost- und Westtierärzten. Wir haben 
alle dasselbe Ziel, wir haben uns der Gesunderhaltung der Tiere und Menschen verpflichtet. Wir sollten dieses Ziel gemeinsam erreichen wollen. Das bedeutet, keine Meinung über die andere Seite zu haben, sondern gemeinsam über die Dinge zu sprechen – den Praktiker ebenso wenig zu verurteilen, wie die von ASP betroffenen Kreise allein kämpfen zu lassen.

Um den hier angerissenen Dialog breiter und konkreter mit Leben zu füllen, genauso wie Ziele und Ausrichtung des BbT für den Berufsstand nachzujustieren wird der Bundesverband ein Seminar mit jungen Kolleginnen und Kollegen zu Sorgen, Gedanken, Hoffnungen und Vorstellungen im Juni 2022 organisieren.
Vorher ist aber die Rückkehr zur Tradition des Internationalen Veterinärkongresses mit Anschlussseminar in Bad Staffelstein in Ihren Kalendern zu berücksichtigen!

Ich freue mich auf das Wiedersehen!
Herzlichst
Dr. Holger Vogel
Präsident Bundesverband der beamteten Tierärzte e. V.
Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Dienst