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EDITORIAL 3/2017

Liebe Leserinnen und Leser,

„Luxus treibt den Menschen zu keiner Tugend an – er erstickt meist alle besseren Gefühle in ihm.“
Friedrich d. Große (1712 - 1786)

Was haben Elektroautos und artgemäße Tierhaltung gemeinsam?

Der gegenwärtige (Zu-)Stand wird nicht als zukunftsfähig eingeschätzt. Die derzeitigen Autos und Haltungssysteme sind höchstens noch Brückentechnologien, möchte man schlussfolgern.

Schlagen hier Quantitäten bald in neue Qualitäten um?

In der Autoindustrie hätte man ein solches Ausmaß von Lug und Trug nicht für möglich gehalten. Immerhin trifft nun die gesellschaftliche Empörung ein bisher heißgeliebtes Produkt – das Automobil. Bisher bestand solch ein Interesse eher an skandalisierten/ skandalgewohnten Lebensmittelherstellern und Urproduzenten mit ihren Produkten. Jüngst wurde das nicht für Lebensmittel liefernde Tiere zugelassene Antiparasitikum Fipronil im großen Stil in Hühnerställen angewendet und kam erwartungsgemäß im Hühnerei an. Jetzt geht es wieder um Rückverfolgbarkeit, Rückrufe und Aufarbeitung sowie Justierung der Überwachung. Stellt jemand auch die Frage nach Therapiealternativen?

Bleiben wird die fehlende Empathie für die Tiere im System. Dies gilt für alle Stufen der Erzeugung, der Verarbeitung, der Distribution, der Konsumption. Alle Beteiligten stehen unter ökonomischem Druck. Ökonomischer Druck bedeutet Druck bzgl. Ressourcenoptimierung für Halter, Schlachter, Verarbeiter, Händler und auch für den Konsumenten. Letzterer ist auch in einem Wertedilemma verfangen. Er kann sein Geld nur einmal ausgeben – aber wofür?!

Für Autos, Urlaubsreisen, Bildung oder Luxusgüter, die statusrelevant sind? Offensichtlich nicht für Lebensmittel. Beim Nutztier bleibt dann die Würde des Individuums zugunsten der billigen Rohstoffverfügbarkeit auf der Strecke.

Das Wachstum der Tierbestandsgrößen durch den Marktdruck verändert lokale Strukturen – möglicherweise durch falsche gesellschaftliche Ziele und Förderanreize. Bäuerliche Strukturen werden zwangsläufig aufgegeben, selbst bisher schon große landwirtschaftliche Betriebe fallen neofeudalen Größenordnungen anheim. Diese Entwicklung in den Haltungssystemen der Agrarproduktion folgt in gewisser Weise nur der Produktionskonzentration in der Schlacht- und Verarbeitungsindustrie. Mit den Mittelstandsbetrieben gehen regionale Kreisläufe und regionale Verantwortung der Unternehmer verloren. Die amerikanische Tendenz der Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums auf sehr wenige findet auch an dieser Stelle seine deutsche Entsprechung.

Was hat das alles mit uns Amtstierärzten zu tun? Nun – der Strukturwandel in der Wirtschaft betrifft uns eben auch. Neben den bewährten Strukturen der integrierten Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsämter inklusive Vollzug braucht es eine stärkere überregionale Vernetzung und Informationsaustausch sowie Personalreserven.

Die Konzentration der Wirtschaft an wenigen Produktionsstandorten erfordert die Spezialisierung der örtlich zuständigen Ämter. Die Aufrechterhaltung aller bisherigen Kernkompetenzen und der dem Strukturwandel geschuldete Ausbau zusätzlich notwendiger Kompetenzen werden bei dem erkannten Personalmangel allerdings schwierig.

Angesichts des kürzlich festgestellten Personalmangels bei Justiz und Polizei muss die Personalpolitik in fast allen Bundesländern kritisch hinterfragt werden. Stellt sich die Frage: ist das so gewollt oder wurde die Entwicklung nicht erkannt? In jedem Fall wird den Rechtspflegern von den gesellschaftlich Verantwortlichen eine Last aufgebürdet, welche langfristig zur Last der Gesellschaft wird.

Herzlichst
Dr. Holger Vogel

Präsident Bundesverband der beamteten Tierärzte e.V. Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Dienst
Amtstierärztlicher Dienst und Lebensmittelkontrolle 24. Jahrgang – 3/ 2017