Der 39. Int. Veterinärkongress des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte e.V. und das Anschlussseminar finden vom 19. bis 22.04.2020 statt.
Das Progrmm zu den Veranstaltungen finden sie hier:
39.BbT-Kongress 2020 / Anschlussseminar 2020 / Rahmenprogramm

hier: Anmeldung zu den oben genannten Veranstaltungen​

 

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„Wo immer ein Tier in den Dienst des Menschen gezwungen wird, gehen die Leiden, die es erduldet, uns alle an.“ (Albert Schweitzer, 1875 - 1965)


Dies gilt in besonderem Maße für uns Tierärzte.

Die Kette der Unzulänglichkeiten im Umgang mit Tieren ist derzeit ziemlich lang. Wir, als Amtstierärzte, kennen sie alle. Wir sind oft kraftlos, machtlos und resigniert.

Unzulängliche Betäubungsgeräte im Einsatz auf den Schlachtstätten, unzulängliche Transporte den Märkten folgend, unzulängliche Haltungsbedingungen dem Preisdruck geschuldet, unzulängliche Tierschutzüberwachungen angesichts der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, unzulänglicher Konsum von Lebensmitteln tierischen Ursprungs als verfehlte gesellschaftliche Entwicklung.

„Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.“ (Albert Schweitzer)

Wie könnte man kürzer das Ausmaß des Konsums, der Umweltzerstörung, der Ressourcenverschwendung, des Mangels an ethischen Grundsätzen erklären.

Transparenz der rechtsstaatlichen Überwachung und Zugang zu deren Kontrollergebnissen für die Öffentlichkeit sind wichtig. Über Art und Weise kann man sicher Konsens finden.

Derzeit werden die Abfragen (z. B. nach VIG) durch berechtigte Bürger als weitere Einschränkung der ohnehin knappen Ressourcen gesehen und sind somit bei Behördenvertretern unbeliebt.

Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts verneinte letztinstanzlich den Auskunftsanspruch zu Tiertransporten der Animals Angels wegen fehlender Rechtsgrundlage, da weder Verbraucherinformationsgesetz noch Umweltinformationsrecht tierschutzrechtlich einschlägig sind. Als Amtstierärzte wollen wir uns auf die Bearbeitung und Abhilfe von Tierschutzfällen konzentrieren. Aber beides ist wichtig: Effizienz und Transparenz.

Zur Kontrolleffizienz gehört die Überwachung der Falltiere an den VTN-Betrieben auf tierschutzrelevante Befunde. Der Weg scheint politisch nicht gangbar, um Billigfleischproduzenten zu einem höheren Pflegeaufwand für Tiere zu zwingen.

Allerdings wird nach dem Grethe-Gutachten nunmehr mit dem Borchert-Gutachten (http// bmel.de/goto?id=136121112) durch das von Julia Klöckner geführte BMEL eine zu beachtende Situationsanalyse zur Nutztierhaltung vorgelegt. Die Analyse stellt heraus, dass allein ordnungsrechtliche Maßnahmen nicht zielführend sein können. Es braucht einen gesellschaftlichen Wertewandel – der in dem aktuellen Gutachten richtungsweisend bearbeitet wird!

„Es zeigt sich ein erheblicher Handlungsbedarf zur Verbesserung des Tierwohlniveaus in der Nutztierhaltung, die im scharfen Kontrast zur bisher zögerlichen Weiterentwicklung sowohl des europäischen und des deutschen Ordnungsrechts, wie auch der Förderpolitik in diesem Bereich steht.“ (aus der Beschreibung der Ausgangslage des Borchertgutachtens)

Dem ist sicher zuzustimmen. Es schmerzt dennoch, dass derzeit weiter so viele Täter unbehelligt davonkommen. Auch wenn man ob der unbezwingbaren Aufgaben und Kontrolldefizite verzweifeln könnte ...

„Das Wenige, das du (als Amtstierarzt) tun kannst, ist viel.“ (Albert Schweitzer)

Herzlichst
Dr. Holger Vogel
Präsident Bundesverband der beamteten Tierärzte e. V.
Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Dienst

„Was ich am wenigsten studiert habe, ist die Politik; sie besteht aus Lug und Trug und passt nicht für meinen Charakter ...“ meinte Friedrich II. (1712 - 1786)

Wenn in diesem Satz ein Körnchen Wahrheit liegt, sollte man hinterfragen, warum man sich dennoch mit Politik beschäftigt. Mit dem Analysieren, wer etwas sagt und welchem Zweck es dienen könnte – denn genau das ist Politik. Jede Kräftegruppierung lotet das für sie Machbare aus: Egal, ob es nun individuelles Interesse, Lobbyarbeit, Profilsuche, Gewinnsucht oder Einflussnahme ist.
Oligarche Strukturen in der Distribution, Gewinnung und Verarbeitung von Lebensmitteln bestimmen die Marktpolitik und damit auch Einstellungen und Entwicklungen. Primärerzeuger werden bzw. sind abhängig vom Preisdiktat. Es folgt ein Wachsen oder Weichen. Lässt Marx doch noch grüßen?

Im Zuge der Listerienfunde im Wilke-Fall melden sich viele zu Wort. Medien- und Politikvertreter sowie Wirtschaftsmagnaten stellen Mängel in der Überwachung fest – wo doch deren eigene Aktivitäten zu hinterfragen sind. Forderungen werden postuliert. Neue Behördenstrukturen diskutiert. Ausgeblendet wird dabei die Kaltstellung der Überwachung.

Mit der Einführung der risikoorientierten Überwachung der Lebensmittel ist ein massiver Rückgang der Vorort-Kontrollen zu verzeichnen. Der Spiegel spricht von 225.000 Kontrollen pro Jahr in Deutschland seit 2007. Jedem muss doch klar sein: „Ohne Kontrollen kommt es zum Verfall der guten Sitten in der Lebensmittelhygiene“ (Eckehard Wolf, Amtstierarzt a.D., Neubrandenburg). Der Rückzug der staatlichen Exekutive betrifft auch die Laborkapazitäten. Die Überwachung der gesetzlich geforderten Eigenkontrollen bei biologischen, chemischen und physikalischen Gefährdungen erfordert eben auch eine ausreichende personelle und materielle Ausstattung der staatlichen Untersuchungsämter.

Hier ist Transparenz gefordert! Bisherige Strukturen - aber auch die neuen - leiden unter Arbeitsverdichtung und somit unter einem Erfolgsdruck, dem nicht jeder standhalten kann.

Nach dem Lebensmittel- und Futtermittelgesetz werden in der Lebensmittelüberwachung wissenschaftlich und nicht wissenschaftlich ausgebildete Personen tätig. Das bedeutet Lebensmitteltierärzte, Lebensmittelchemiker u. a. sowie zu Lebensmittelkontrolleuren weitergebildete Meister des Lebensmittelhandwerks bringen ihre einschlägige Expertise ein. Eine entsprechende Vergütung der Professionen ist leider nicht selbstverständlich und somit oftmals Anlass für Missstimmungen. Als klare Aussage möchte ich an dieser Stelle die Notwendigkeit des Zusammenwirkens der o.g. Professionen im Sinne einer zweckmäßigen Lebensmittelüberwachung herausstellen.

Die judikative Unterstützung der Überwachung ist noch immer nicht spezialisiert. Da stellt sich die Frage - ist das beabsichtigt? Die gleiche Frage stellt sich in der Aufstellung der Lebensmittelüberwachung. Ist diese das Ergebnis der Lobbyarbeit und der daraus folgenden ministeriellen Ressortierung (Überwachung und Förderung im gleichen Haus)?!

Wobei die Wirtschaft vor der Überwachung rangiert? Ein Gleichgewicht wäre schon ein Gewinn. Viele Mittelstandsbetriebsinhaber würden dieses Gleichgewicht allerdings schon jetzt nicht bestätigen wollen. Bevorteilt die aktuelle Rechtslage eher oligarche Strukturen? Diese bedeuten allerdings eine Abkehr von Vielfalt sowie von Augenhöhe und wirtschaftlicher Verantwortung in der Region. Beliebigkeit bei den Produkten und Willfährigkeit bei der Überwachung wäre die Folge.

Demgegenüber steht allerdings die Notwendigkeit einer funktionsfähigen Demokratie. Sie muss den Weg zu einem verbesserten Informationsaustausch bzgl. Lebensmittelsicherheit zwischen Bund und Ländern, zwischen Fachaufsicht und Vorortbehörde sowie für eine an die Erwartungen angepasste materielle und personelle Ausstattung der Behörden ebnen.

Von diesem Exkurs in die Politik zurück zur Berufspolitik. Die Herbstdelegiertenversammlung der Bundestierärztekammer hatte im September die Gelegenheit, ein neues Präsidium zu wählen. Die Entscheidung fiel eindeutig auf das bisherige Präsidium unter dem Vorsitz von Bundestierärztekammerpräsident Dr. Uwe Tiedemann. Die Formulierung und die Verfolgung gemeinsamer Ziele der Tierärzteschaft muss nachdrücklich verfolgt werden, ohne die notwendige Gedankenvielfalt der Kollegenschaft auszuschalten.
Die Erfahrung verspricht keine leichte Aufgabe, aber auch keine gute Alternative.

Herzlichst
Dr. Holger Vogel
Präsident des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte e. V.
Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Dienst

Liebe Leserinnen und Leser,

„Mit vollen Händen und leeren Herzen – es ist eine sich selbst zerstörende Welt geworden.“

So skizziert Juli Zeh in ihrem viel beachteten Roman „Leere Herzen“ (2019) eine postdemokratische Gesellschaft.

Heute wird immer von guten gesellschaftlichen Bedingungen gesprochen: reiches Land, Wohlstand, Frieden, work life balance. Das ist alles richtig. Aber warum wird es nicht so empfunden ? Brennt das Feuer für die Demokratie durch Selbstverständlichkeit bzw. Gleichgültigkeit in einer seichten Wohlfühlatmosphäre nieder?

Woher kommt die Endzeitstimmung in weiten Teilen der Gesellschaft; ist es die Deklassierung der Mittelschicht, und damit auch der Akademiker und Handwerksmeister ? Bestimmen Ängste um Statusverlust das Wahlverhalten – wie es Adorno beschrieb?

Die fortschreitende Urbanisierung verändert das bisherige Gleichgewicht zwischen Landund Stadtbevölkerung zu Gunsten der Städter. Verständnis für Erzeugung von Lebensmitteln geht verloren. Erfahrungswissen um Früchte, Fruchtfolgen, Tierrassen, Geburten, Schlachtung, Verarbeitung und Konservierung verlieren ihre Notwendigkeit und verschwinden langsam aus dem Gedächtnis. Leider auch die Achtung vor den Erzeugnissen und Erzeugern. Verklärte Vorstellungen und Preisdruck bestimmen das Verhalten.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

„Mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten ...“ (J. W. v. Goethe)

Genau das war sinngemäß das Ziel des 38. Internationalen Veterinärkongresses in Bad Staffelstein.

700 Teilnehmer aus dem deutschen Sprachraum konnten sich anhand von 26 Fachreferaten aus Wissenschaft und Verwaltungspraxis informieren, diese hinterfragen und diskutieren.

Die Schwerpunkte aus Tierseuchenbekämpfung, Tierschutz und der Lebensmittelhygiene waren zum Teil mit Brisanz geladen. Hinterfragt werden musste, „auf Grund welcher Datenlage Langzeittiertransporte abgefertigt werden können?“. Als völlig inakzeptabel muss die unterschiedliche Handhabung der Abfertigung von eben diesen Tiertransporten in den deutschen Bundesländern durch die einzelnen Veterinärbehörden betrachtet werden. Insbesondere weil die Plausibilität der Routen immer noch unterschiedlich bewertet wird.

Liebe Leserinnen und Leser,

„Die verborgene Quelle des Humors ist nicht die Freude, sondern der Kummer“,

sagte einst Mark Twain (1835-1910).

Wie sonst - als mit Humor - sollte man den täglichen Herausforderungen begegnen? Humor, der uns hilft, mit dem problembeladenen Tagesgeschäft und den oft unauflösbaren Widersprüchen der gesellschaftlichen Forderungen umzugehen.

Diese Widersprüche sind wie die sinnbildlichen Mühlsteine, zwischen die man gerät, oder die Stühle, zwischen denen man sitzt. Leider wird oft die vermeintliche Unauflösbarkeit von Konflikten der Gesellschaft an den Unzulänglichkeiten der Frontsoldaten, der Polizei und auch an der Amtstierärzteschaft festgemacht.
Die Konfliktparteien können quasi gemeinsam Verantwortliche präsentieren. Diese Verantwortlichen werden als zum Schweigen verpflichtete Grundmatrix gesehen. Die nichts zu sagen hat, aber verantwortlich gemacht wird. Das Sagen beanspruchen NGO´s und die Wirtschaft. Die Politik agiert irgendwo dazwischen und lässt die Exekutive im Regen der Aggressionen stehen. Und die Mehrheit der Konsumenten schweigt oder ist empört, je nach Gefühlslage.

Dies ist aber zu einfach gedacht, die Widersprüche sind globaler und komplexer!

Das Problemfeld der Tiertransporte wird derzeit an der Attestierung des Amtstierarztes festgemacht. Schließlich hat derzeit die/der einzelne Amtstierärztin/Amtstierarzt mit ihrer/seiner Unterschrift über pro und contra zu entscheiden. Ein inzwischen uferloses und widersprüchliches Regelgeflecht von Bedingungen, ein schwieriges Transportdaten-Verarbeitungssystem und die bekannt gewordenen Bilder über den Umgang mit Nutztieren auf Transporten und Schlachthöfen in Drittländern sind zu einer unüberwindbaren Hürde auf dem Weg zu einer gesellschaftlich akzeptablen Entscheidung geworden.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

die in der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Standortnamen von Schlachthöfen wie Fürstenfeldbruck, Tauberbischofsheim, Stendal, Bad Iburg und jüngst Osnabrück müssen uns als Vertreter des Berufsstandes der zuständigen Überwachungs- behörden betroffen stimmen. Bilder aus Deutschland! Nur die Spitze des Eisberges? Leider ja! Es gibt noch mehr Namen.

Woran liegt es, dass es trotz Tierschutztransportverordnung, trotz Tierschutz- schlachtverordnung, trotz Tierschutzgesetz und Aufnahme des Tierschutzes ins Grundgesetz solche dokumentierten Verstöße gibt? Warum müssen die Verstöße durch NGOs aufgedeckt werden?

Amtstierärztlicher Dienst, ist das Dienst mit Zukunft, oder gibt es einen beginnenden Abgesang?

„Ein weites Feld“, könnte man als Protagonist Theodor Fontanes über den sich in einem gesellschaftlich schwierigen Kontext befindlichen Amtstierärztlichen Dienst resigniert aussagen. Stetige Kritik begleitet unsere Arbeit. Die vielen Kritiker wechseln sich ab, so dass auch dadurch eine Dauerbelastung entstanden ist.

Zudem erleben wir gegenwärtig eine Neuvermessung von Zielen und Werten auf der einen Seite, und die Sehnsucht nach Ursprünglichem auf der anderen (work-live balance, Leitungspositionen in Teilzeit, Statusverlust bei schwieriger Rechtslage).

„Es geht ums Tun, nicht ums Siegen“ (Konstantin Wecker)
Auch wenn der Zeitgeist der Informationshast, der Effizienz und Marktwirtschaft die Politik, die Meinungsbildung und die Wirtschaft treibt, ist es erlaubt und geboten, sich aus berufsethischen und berufsständischen Gründen für die Würde der Tiere einzusetzen. Die Erfassung und Bewertung tierschutzrelevanter Befunde an verendeten oder getöteten Tieren ist dazu unabdingbar. Viel zulange schon wird an dieser Stelle in würdeverachtender Weise weggeschaut. Kein Wunder, dass das Naumburger Urteil (OLG Naumburg) trotz Hausfriedensbruch einen rechtfertigenden Notstand anerkennt, wenn Tierschützer in einen Stall einbrechen. Da kann man hoffen, dass von Amtstierärzten initiierte Verfahren künftig auch die notwendige rechtliche Rückendeckung erfahren. Man denke an die Tiere von Mietnomaden, an Animal Hording, verwahrloste Tiere durch menschliche Überforderung, fehlende Sachkunde und Tiere als Opfer industriellen Effizienzhandelns.

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