Amtstierärztlicher Dienst und Lebensmittelkontrolle - EDITORIAL 1 / 2022
Anmeldung zur 4. Jahrestagung der TPT (Tierärztliche Plattform Tierschutz)
"Tierschutz und Lebensmittelsicherheit am Schlachthof 
Was muss sich ändern?"

 
 
 
 
 
 
jtemplate.ru - free extensions Joomla

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

nach der coronapandemiebedingten Unterbrechung von zwei Jahren hat nun der 39. Internationale Veterinärkongress in Bad Staffelstein stattgefunden! Fast 600 Teilnehmer verfolgten aufmerksam das Programm und 200 Teilnehmer blieben zum Anschlussseminar. (Demnächst können Sie die Vorträge im passwortgeschützten Bereich unter www.amtstierarzt.de abrufen)

Die Wiedersehensfreude war groß! Die Frage: „Alles gut?“ wollte nur eine Antwort zulassen wie Ja natürlich! Ähnlich im Englischen und im Russischen. 

Die Ereignisse der letzten zwei Jahre bewirkten Veränderungen, welche eine Rückkehr zum Status quo ante unmöglich zulassen.

Die Macht des Faktischen… besteht hier in der weltweiten Ausbreitung des Covid 19 Virus, dem Eindringen der Afrikanischen Schweinepest nach Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg und dem Krieg in der Ukraine! Natürlich sind diese Ereignisse unterschiedlich wertig und wirkend…

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Unerreichtes, Unvollkommenes, Unwürdiges begegnet uns täglich im Arbeitsumfeld, scheint unseren Alltag zu bestimmen – aber es überwiegt nicht! Dies müssen wir uns immer wieder vor Augen führen. Es gehört allerdings zur menschlichen Mentalität, immer eher das Störende und Unvollkommene wahrzunehmen und zu thematisieren.

Deshalb heute ein paar Gedanken zur Digitalisierung in der Veterinärverwaltung! Wie steht es mit Datenmanagementsystemen und deren Schnittstellen? Werden sie jemals eine Arbeitserleichterung sein oder eher eine immerwährende zusätzliche Pflegeaufgabe, die Arbeitszeit frisst?

Na ja, es kommt darauf an – werden Sie sagen!

Worauf denn? Auf die eigene Einstellung dazu? Auf die eigenen Fähigkeiten? Gibt es ein Arbeitszeitfenster für die sinnvolle Implementierung oder wird es (wie alles andere) einfach im Stadium „Feldversuch“ auf das vorhandene und mehr als ausgelastete Personal aufgesattelt?

Sie haben doch sicher einen Anwendungsbetreuer in der Mannschaft des Veterinäramtes, der die Fragen der speziellen Softwaresysteme betreut, seinen KollegInnen neue Datenbanken (TRACES NT) erklärt, zum Laufen bringt!? Ergänzend dazu gibt es ja selbsterklärende, 100seitige Skripte...

Oder muss man sich durch eigenes, mühsames Probieren selbst Erkenntnisse verschaffen? Wie auch immer: es ist eine Aufgabe. Insbesondere dann, wenn die Festplatte im eigenen Kopf schon ziemlich voll ist, die Nerven durch hohe Schlagzahl dünn sind, die Arbeitszeit knapp ist und der staunende Spieltrieb in der Auseinandersetzung mit neuen Herausforderungen schon lange nachgelassen hat.

Da braucht es Inkompetenz-Kompensationskompetenz!

Das Einfachste – wenn man sich in einem Fachbereich inkompetent fühlt – ist es, das fehlende Wissen und Können durch Fleiß, Übung und Fortbildung auszugleichen. Was aber, wenn das Aufgabengebiet so vielfältig und breit gefächert ist, dass zur Verfügung stehende Zeit und Möglichkeiten zum Ausgleich der Defizite nicht ausreichend sind?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

eine neue Bundesregierung ist gewählt. Welchen Weg sie einschlagen wird, ist noch offen, aber trotzdem stellen sich Fragen, kommen Wünsche auf und sollten vielleicht auch Forderungen formuliert werden. Dazu möchte ich im Dialog mit Laura Schuster als amtliche Tierärztin, Sachgebietsleiterin und eine Vertreterin der
nachfolgenden Generation Fragen aufwerfen und Antworten zur Diskussion stellen.

Vogel:
Welche Erwartungen gibt es in Bezug auf die amtstierärztliche Tätigkeit an eine neue Regierung?

Liebe Leserinnen und Leser,

„Wir wollen mehr Demokratie wagen.“
sagte Willy Brandt (*1913-1992) als Bundeskanzler in seiner 1. Regierungserklärung.
Heute wünschte man sich zudem, dass Demokratie mit mehr Vernunft und Respekt geschähe. Fehlt sie doch oft, die Mehrheit für Vernünftiges und Durchdachtes. Lobbyismus und Profilsucht prägen häufig die Wahrnehmung von Parteien, Regierungen und Parlamenten.
Bald stehen Bundestags- und verschiedene Landtagswahlen an. Ein Wettstreit um Mehrheiten und damit um Positionen der Macht ist zu beobachten. Da könnte man gleich mit einem Zitat von Hans-Jochen Vogel (1926-2020) „Macht muss dienen!“ fortfahren…
Hier drängt sich die Frage auf: Wem? Den Menschen, der Umwelt, den Tieren…?!

Liebe Leserinnen und Leser,

„Es scheint, dass unsere Gesellschaft verlernt hat, ohne Aggression und mit einem Mindestmaß an Anstand und Respekt über
ihre Probleme zu diskutieren.“

An die Stelle demokratischen Meinungsstreits sind emotiona­lisierte Empörungsrituale, moralische Diffamierungen und offener Hass getreten. (Die Selbstgerechten; Sahra Wagenknecht *1969)

Die promovierte Volkswirtin beschreibt politische Entwicklungen, die schon längst auch für unseren Berufsstand zu realen Einflüssen im Arbeitsumfeld geführt haben. Moralische Haltungsnoten werden auch für unsere Tätigkeit vergeben. In
­Fragen des Lebensstils, des Konsumverhaltens und der gendergerechten Sprache wird dogmatisch und unerbittlich, fast
schon inquisitorisch, missioniert.

Sozialökonomische Betrachtungen und auch rechtliche Gegebenheiten geraten vermeintlich ins Hintertreffen bei einer Gesamtbetrachtung.

Liebe Leserinnen und Leser,

das Zitat (Helmuth von Moltke, 1800 – 1891, preußischer Militär­stratege) „Getrennt marschieren, vereint kämpfen“ passt auch auf die notwendige Zusammenarbeit der Berufs­ verbände der praktizierenden- und der Amtstierärzte. Jede B­erufsgruppe bedarf spezieller Expertisen – darf aber die Schnittstellen nicht aus den Augen verlieren!

Um im Bereich der Bewertung von tierschutzrelevanten Befunden zu gleichen Einschätzungen zu gelangen. haben sich die Verbände bpt und BbT darauf verständigt, relevante Beiträge sowohl in der Zeitschrift „Der praktische Tierarzt“ als auch im „Amtstierärztlichen Dienst“ zu veröffentlichen. Der Informationsaustausch wird mit einem Beitrag zu Kachexie beim Schwein in diesem Heft beginnen.

Derzeit befindet sich das Tierarzneimittelgesetz in einer antepartalen Phase. Das be­deutet: Alles ist angelegt, nichts lässt sich mehr so ohne Weiteres ändern. Lageberichtigungen und Fehlstellungen können bei Kunstfertigkeit allerdings noch in Geburt berichtigt werden…
Das Ende der Legislaturperiode wirft Schatten, es wird zur eiligen Geburt gedrängt…

Liebe Leserinnen und Leser,

„Besser laut geflucht als leise gelogen.“ (Hans Fallada 1893-1947)

Oder wie sonst soll mit der Situation rund um den bevorstehenden Tiergesundheitsrechtsakt / Animal Health Law der EU umgegangen werden?

Geltungsbeginn ist der 21.04.2021! Obwohl es noch ein halbes Jahr vorher an Rechtssicherheit mangelt, gilt dies Datum als unaufschiebbar! Ade nationales Recht in Zeiten akuter Tierseuchengefahren! Ade vertraute Sicherheit und Kenntnis basierend auf dem Viehseuchengesetz im Namen des Reichs und mit Zustimmung des Bundesrates von vor mehr als 100 Jahren.
Das Ganze geschieht nun auch noch unter der Coronapandemie-bedingten Ressourcenverknappung an Personal und Kräften.

Liebe Leserinnen und Leser,

„Die Kürze des Lebens, die Stumpfheit der Sinne, die Starre der Gleichgültigkeit und nutzlose Beschäftigung gestattet uns bloß, wenig zu wissen …“ (Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Domherr in Frauenburg/ Ermland in Preußen).

Langsames und verstehendes Lesen dieser Worte des deutschen Arztes und Astronomen lässt die seit der Entstehung dieses Zitates vergangenen Jahrhunderte schwinden!

Denkende Menschen können sich in diesen Aussagen wiederfinden, so auch wir.

Bei der Formulierung der „nutzlosen Beschäftigung“ stockt einem fast der Atem. Täglich haben wir damit zu tun! Da gehört das Ringen um die eigentlich als selbstverständlich angesehenen Arbeitsvoraussetzungen dazu; um eine zeitgemäße IT-Ausstattung, den Parkplatz für das dienstlich genutzte aber nicht anerkannten Privat-Kfz, um die sich zur Selbstbeschäftigung auswachsende Risikoanalyse und Dokumentation in Qualitätssicherungs-Systemen. Um die Berechnung von Kontrollfrequenzen, die in manchen Ämtern regelmäßig nicht schaffbar sind, die Beschäftigung mit Tiertransportanträgen, deren Bearbeitung sich als Puzzlespiel anmutet – ohne irgendeine Lenkung durch die außenvertretungsbefugten Behörden des Bundes und der EU.

Joomla templates by a4joomla