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Sehr geehrter Herr Europaabgeordneter Dr. Schnellhardt,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete des Deutschen Bundestags Flachsbarth, Goldmann, Happach-Kasan, Priesmeier, Stier, Tackmann
sehr geehrter Herr Unterabteilungsleiter Dr. Winter aus dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz,
sehr geehrter Herr Landrat Kubendorff, Vizepräsident des Dt. Landkreistag, 

sehr geehrter Herr Abraham, Ehrenvorsitzender der Bundesvereinigung der dt. Lebensmittelindustrie
sehr geehrter Herr Prof. Hensel,
sehr geehrte Ehrenpräsidenten Dr. Wohn und Dr. Stöppler,
sehr geehrter Herr Prof. Mantel, Präsident der Bundestierärztekammer,
sehr geehrter Herr Dr. Götz, Präsident des Bundesverbands der praktizierenden Tierärzte 
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
meine sehr geehrten Damen und Herren, 

 

ich begrüße Sie alle sehr herzlich zu unserem Festakt „60 Jahre Bundesverband der beamteten Tierärzte“ hier in der bayerischen Landesvertretung in Berlin.

Im Frühjahr 1953 trafen sich in Remagen im Kreis Ahrweiler engagierte Kollegen aus allen Bundesländern und gründeten die „Bundesarbeitsgemeinschaft der beamteten Tierärzte“, die später, im Jahr 1973, in "Bundesverband der beamteten Tierärzte (BbT)" umbenannt wurde. 

Das 60-jährige Jubiläum ist natürlich ein Anlass, zurück zu blicken, aber auch die Gegenwart und die Zukunft zu betrachten. 


Wie sehen wir uns? 60 Jahre Bundesverband der beamteten Tierärzte - 60 Jahre gesundheitlicher Verbraucherschutz -  so lautet unsere heutige Pressemitteilung und so ist unser Selbstverständnis: Amtstierärztlicher Dienst und gesundheitlicher Verbraucherschutz sind eine untrennbare Einheit.

Ich bin mir sicher, als im Jahr 1953 der Verband gegründet wurde, kannte noch kein Mensch den Begriff „gesundheitlicher Verbraucherschutz“.

Eigentlich aber haben Amtstierärzte bereits damals nichts anderes betrieben, nämlich Schutz der Menschen vor Erkrankungen, Schutz der Tiere vor Erkrankungen und Verhinderung von Schmerzen, Leiden und Schäden bei Tieren.

Eine ihrer Aufgaben war in den 50er und frühen 60er Jahren des letzten Jahrhunderts auf jeden Fall, sicherzustellen, dass die Bevölkerung mit tierischen Proteinen versorgt wird. Brot und Kartoffeln gab es schon wieder in ausreichender Menge, aber Fleisch gab es eher als Sonntagsbraten. Damals hatten wir Mangelversorgung. Das hat sich gründlich geändert: Heute haben wir den Mangel in der Verwaltung - Nahrung haben wir dagegen im Überfluss.

Im Zentrum stand damals die Bekämpfung von Tierseuchen wie Maul- und Klauenseuche oder Schweinepest und die Sanierung der Rinderbestände von den auf den Menschen übertragbaren Krankheiten Tuberkulose und Brucellose. 

Zwei Beispiele: Im Gründungsjahr gab es Tuberkulose der Rinder in 3.500 Beständen, ein großer Teil der damals geschlachteten Rinder war deswegen zu beanstanden. Von Maul- und Klauenseuche waren damals 1.900 Betriebe betroffen.

Heute können wir uns solche Zahlen gar nicht mehr vorstellen. Deutschland ist derzeit u. a. frei von Maul- und Klauenseuche, von Schweinepest, von Geflügelpest und von Tollwut. 

Das sind, finde ich, Erfolge intensiver Bekämpfungsmaßnahmen, auf die wir zu Recht stolz sein dürfen.


Wir fordern aber heute eine Anpassung der Bekämpfungsstrategie auf der Basis neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, diagnostischer Möglichkeiten und moderner Impfstoffe: Es darf nicht wieder zum Töten von Hunderttausenden gesunder Schweine bei einem Schweinepest-Ausbruch kommen. Die Notimpfung bei Seuchenausbrüchen muss ein schnell anwendbares Instrument der Seuchenbekämpfung werden. Das Fleisch von gesunden, im Notfall geimpften Tieren muss frei handelbar sein.

Das Motto der aktuellen EU-Tiergesundheitsstrategie unterstreicht die Bedeutung der Tierärzte: One Health – eine gemeinsame, untrennbare Gesundheit von Mensch und Tier. Wir Tierärzte stehen durch die Bekämpfung von Zoonosen und durch den Einsatz für sichere Lebensmittel an der Schnittstelle zwischen der Gesundheit von Mensch und Tier.

Meine sehr geehrte Damen und Herren, die zweite zentrale Säule des gesundheitlichen Verbraucherschutzes war schon damals, die noch Fleischbeschau genannte Schlachttier- und Fleischuntersuchung. Das Krankheitsspektrum in unseren Tierbeständen hat sich aber in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Klassische Zoonosen, wie Milzbrand, Tuberkulose und Brucellose spielen heute keine Rolle mehr. Aktuell bedeutsame Zoonosen, wie z. B. Erkrankungen durch Salmonellen oder Campylobacter, verlaufen i. d. R. subklinisch und zeigen keine bei der Fleischuntersuchung erkennbaren Veränderungen an Tierkörpern und Organen. 


Dies erfordert heute eine Anpassung der Untersuchungsmethoden. Bei der sogenannten risikoorientierten Schlachttier- und Fleischuntersuchung sollen Schlachttiere, die unter kontrollierten Bedingungen und in integrierten Systemen gehalten werden, bereits in ihren Herkunftsbetrieben regelmäßig untersucht werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen begleiten dann die Tiere als Lebensmittelketteninformation zum Schlachthof. Bei einem niedrigen Risikoniveau kann die Fleischuntersuchung auf eine visuelle Untersuchung beschränkt werden.

Der BbT steht aufgeschlossen zu dieser Entwicklung und beteiligt sich aktiv an der Diskussion. Die visuelle Fleischuntersuchung darf aber unter keinen Umständen zur Kostenreduzierung unter Vernachlässigung des Verbraucherschutzes missbraucht werden.

Liebe Festgäste, das Bild der Tierärzte in der Öffentlichkeit wird vor allem geprägt durch Vorabendserien, die die kurative Behandlung von Groß- und Kleintieren, eingepackt in seichte Rahmenhandlungen zeigen. Tierärzte können aber deutlich mehr: Sie überwachen tagtäglich die Sicherheit der Lebensmittel entlang der gesamten Kette vom Stall über Schlachthof, Verarbeitungsbetrieb bis zum Einzelhandel oder Restaurant. Während ihres umfassenden Studiums werden sie u. a. intensiv ausgebildet in Warenkunde, Lebensmitteltechnologie, Lebensmittelrecht, Lebensmittelerkrankungen. Mit ihrer Approbation, also mit dem Studienabschluss, erfüllen Tierärzte vollständig die Anforderungen an die Befähigung des in der Lebensmittelüberwachung tätigen Kontrollpersonals. Dies sollte in der derzeit bearbeiteten Lebensmittelkontrollverordnung anerkannt werden.

Die Zahlen der Lebensmittelüberwachungsstatistiken zeigen, dass die Lebensmittelüberwachung in Deutschland trotz aller echten oder vermeintlichen Skandale, funktioniert und dass die Lebensmittelsicherheit sich in Deutschland auf einem guten Niveau befindet. Sie zeigen aber auch, dass der Verbraucherschutz in diesem Bereich noch verbessert werden kann. 

Klar, wir brauchen hier mehr Personal, wir brauchen aber auch neue Instrumente.

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Warenströme, die Betriebsstrukturen und das Warenangebot der Lebensmittelwirtschaft enorm verändert. Der globale Handel mit Lebensmitteln, eine zunehmende Zentralisierung des Einzelhandels und zahlreiche neue Lebensmittelprodukte führen zu ständig wachsenden Anforderungen an die Qualität und Kompetenz der Überwachungsbehörden.

Wir brauchen für die Verbesserung der Effizienz unserer Arbeit z. B. eine zentrale „Marktbeobachtungsstelle“, eine Art Frühwarnsystem, durch das wir frühzeitig auf weltweite Marktveränderungen, geänderte Handelsströme, Einsatz z. B. neuer Pestizide oder neu aufgetretene Missstände hingewiesen werden, damit wir unser Handeln präventiv danach ausrichten können.

Wir brauchen auch eine zentrale Datenbank mit allen Lebensmittel­überwachungsbefunden der Länder, damit Mehrfachuntersuchungen der gleichen Produkte vermieden werden können.


Zu überlegen wäre auch, wie Futtermittel- und Handelsklassenüberwachung mit der Lebensmittelüberwachung besser vernetzt werden können, damit es keine Parallelsysteme gibt.

Hier sind noch deutliche Synergieeffekte möglich. Der Bund könnte dabei eine Bündelungsfunktion übernehmen, ohne in unzulässiger Weise in die grundsätzliche Zuständigkeit der Länder für die Überwachung einzugreifen,

Für die Sicherheit der Lebensmittel ist aus gutem Grund primär der Lebensmittelunternehmer verantwortlich. Die Eigenkontrollsysteme der Betriebe sind wichtig und richtig, leider nützen sie bei kriminellem oder nachlässigem Handeln nichts. Die „Kontrolle der Kontrolle“, d. h. die amtliche Überwachung der Wirksamkeit der betrieblichen Eigenkontrollen spielt daher eine zentrale Rolle. Aus unserer Sicht ist dabei ein schneller, barrierefreier Zugang zu den Daten der Eigenkontrollsysteme der Lebensmittelunternehmer unverzichtbar.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, es besteht heute ein großes Interesse der Verbraucher an Informationen, die bei den der Lebensmittelüberwachungsbehörden vorliegen, z.B. durch ein Hygienebarometer oder durch das Verbraucherinformationsgesetz. Die bisherigen politischen Initiativen sind jedoch noch nicht sehr geeignet, dieses Verbraucherinteresse umzusetzen. 

Unser Verband appelliert an den Gesetzgeber, ein Gesetzespaket aus „einem Guss“ zu schnüren. Dabei müssen alle Beteiligten einbezogen werden. Die Bilanz der Umsetzung des § 40 Abs. 1a LFGB zur Veröffentlichung von Hygieneverstößen durch die Behörden darf sich nicht wiederholen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, seit einiger Zeit werden Zustände in Nutztierhaltungen, die viele Jahre lang auch von uns Tierärzten als branchenübliche Realität mehr oder weniger unkommentiert hingenommen wurden, von nicht unerheblichen Teilen der Gesellschaft massiv in Frage gestellt. Mit viel Engagement und Emotionen wird u. a. derzeit diskutiert über Ferkelkastration, Schwänze- und Schnabelkürzen, gesundheitliche Mängel bei Milchkühen, Schweinen und Mastgeflügel, die bei hohen Leistungen auftreten.

Unsere Berufsordnung gibt uns den expliziten Auftrag, „im Rahmen der geltenden Vorschriften, Leiden und Krank­heiten der Tiere zu verhüten, zu lindern und zu heilen, das Leben und Wohlbefinden der Tiere zu schützen sowie zur Entwicklung und Erhaltung gesunder Tiere in allen Haltungs­formen beizutragen“. 


Nun gilt es, diesem Auftrag der Berufsordnung und den aktuellen Anforderungen gerecht zu werden.

Wir Amtstierärzte beteiligen uns an dieser gesellschaftspolitischen Diskussion. Dies aber auf fachlich-sachlicher Basis und auf der Grundlage wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse. 

Einen Richtungswechsel weg von den nicht näher definierten „Massentierhaltungen“ und ein Zurück zu den kleinbäuerlichen Familienbetrieben der fünfziger Jahre wird es nicht geben. Leistungsoptimierung um jeden Preis darf es aber ebenfalls nicht geben! Die Tiere dürfen nicht weiter an die Haltungssysteme angepasst werden! 

Das derzeit hervorragende Verbraucherschutzthema ist die Minimierung des Antibiotikaeinsatzes zur Reduzierung von Resistenzen. Das Thema steht stellvertretend für eine Bewertung der Umstände unter denen landwirtschaftliche Nutztiere heute gehalten werden. Mit dem Erkennen des Problems werden natürlich die berechtigten Erwartungen verknüpft, dass dieses Problem zeitnah und wirksam gelöst wird, wobei „Lösung“ für den Einen den radikalen Umbau der Tierhaltung, für den Anderen die Zurückführung des Antibiotikaeinsatzes auf das medizinisch absolut notwendige Maß bedeutet. Einer der Hauptadressaten dieser Erwartungen sind zwangsläufig die Überwachungsbehörden, sind wir Amtstierärztinnen und Amtstierärzte.

Welche Instrumente stehen uns aber dafür zur Verfügung? 

Wir haben für die Überwachung der Tierhaltungsbetriebe und Tierarztpraxen nur Personal für Stichprobenkontrollen, nicht jedoch für breitflächige Auswertungen, wir haben keine belastbaren Vergleichs- oder Standardwerte dafür, welcher Antibiotikaeinsatz notwendig ist, kein Benchmarking und wir haben keine Suchsysteme für echte oder vermeintliche schwarze Schafe. Es fehlt an Personal, es fehlt an neuen Überwachungskonzepten und es fehlt an Datensystemen.

Hoffnung verspricht zumindest teilweise die Antibiotikadatenbank, die ein Kernelement der aktuellen AMG-Novelle sein soll.

Erst eine zentrale Auswertung der Daten ermöglicht eine ressourcenschonende, gezielte, risikoorientierte Überprüfung von Betrieben mit überdurchschnittlichem Antibiotikaverbrauch. 

Unabhängig von der Datenbank benötigen wir zusätzliche Diagnostiksysteme, die noch im Stall eine Aussage darüber erlauben, ob das, was in den Bestandsbüchern steht, auch tatsächlich in den Tieren drin ist.

Heute wird im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat über das neue Arzneimittelgesetz und die Antibiotikadatenbank verhandelt.


Kommt es zu keiner Einigung, wird die AMG-Novelle in dieser Legislaturperiode nicht mehr verabschiedet werden. 

Die Amtstierärzte werden dann mit der großen Erwartungshaltung alleingelassen und werden unter Umständen den Sündenbock für ausbleibende Verbesserungen abgeben. Dagegen verwehre ich mich - für den Fall der Fälle - bereits jetzt!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Veterinärverwaltung produziert zwar keine Milch, kein Fleisch, keine Lebensmittel, aber sie produziert still, effektiv, im Hintergrund eines der wichtigsten Produkte heutzutage, nämlich Vertrauen.

Vertrauen des Verbrauchers in sichere Lebensmittel und gesunde Tierbestände, Vertrauen der Handelsbeteiligten im In- und Ausland in deutsche Überwachungstätigkeit, Vertrauen in eine Veterinärverwaltung, dass sie Krisen schnell, effizient und transparent lösen kann.

Dieses Vertrauen haben wir uns in den letzten Jahren durch unsere gute Arbeit erworben. Ich behaupte, eine gut ausgestattete, gut funktionierende Veterinärverwaltung ist ein wichtiger Standortfaktor für die Lebensmittelwirtschaft.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 

Verbraucherschutz ist mittlerweile ein politisches Thema mit zum Teil konträren Positionen, nicht nur im Wahlkampf. Das Ganze findet statt, in Bereichen, die sehr schnell im Fokus der Medien stehen. Wir haben seit vielen Jahren eine stetige Zunahme der fachlichen Aufgaben ohne adäquaten Personalzuwachs oder, in Zeiten leerer Haushaltskassen, sogar mit Stellenstreichungen. 

Verbraucherschutz kann es aber nicht zum Nulltarif geben.

60 Jahre Bundesverband der beamteten Tierärzte – 60 Jahre gesundheitlicher Verbraucherschutz, von der Vergangenheit bis ins Jahr 2013. Der BbT wird sich mit Engagement und Fachkompetenz, aber auch mit kritischer Reflexion den Herausforderungen der Zukunft stellen. Mit der Unterstützung und Ausstattung der Veterinärverwaltung im erforderlichen Umfang werden wir diese Herausforderungen auch zukünftig meistern.

Vielen Dank