Impulsreferat anlässlich des 27. Deutschen Tierärztetages (Arbeitskreis 3) - Amtstierärzte

Die Veränderungen in der Mensch-Tier-Beziehung und die damit verbundenen Spannungsfelder bestimmen den Arbeitsalltag der Amtstierärzte. Auf der einen Seite hat sich eine Verdinglichung der Nutztiere zu einem reinen Produktionsfaktor eingestellt - auf der anderen Seite zeigt die Vermenschlichung von Hobbytieren eine ungeahnte Entwicklung. Mit „Verdinglichung“ meine ich die absolute ökonomische Effizienz in der Nutztierhaltung, der in der Regel die Möglichkeit zur tierärztlichen Einzeltier-Behandlung zum Opfer fällt. Auch bei günstiger Prognose für das erkrankte Tier wird die finanziell und zeitlich weniger aufwändige Entscheidung zur Schlachtung oder Euthanasie getroffen. Dazu kommt, dass fast schon alltäglich in den Medien die Berichterstattung und Diskussion über Haltung und Pflege von Tieren erfolgt. Die Medien, die heute oft schon als „4. Gewalt“ tituliert werden können, berichten publikumswirksam von der Tötung von Ferkeln (Straathof), konfrontieren den naiven Zuschauer mit extremen Bildern aus Legehennenhaltungen (Bayern-Ei), prangern die Unterbringung von Tieren in Zoos und Zirkussen an sowie die Schlachtung gravider Rinder – ohne die Zusammenhänge darzustellen.

Der Amtstierarzt sieht sich im Auftrag unterschiedlicher gesellschaftlicher Erwartungen, die nicht miteinander in Deckung zu bringen sind. Die tierschutzrechtlichen Anforderungen werden von Teilen der Gesellschaft als unzureichend angesehen. In der Folge wird der verwaltungsrechtkonform tätige Amtstierarzt in der gesellschaftlichen Wahrnehmung eher als träger Rechtspfleger empfunden denn als „ Schützer der Tiere“. Die geltenden Tierschutzrechtsnormen stellen jedoch zwischen Erzeugung, Produktion, Distribution und Konsumption von lebenden Tieren und tierischen Lebensmitteln den kleinsten gemeinsamen Nenner dar und lassen die „Verdinglichung“ der Nutztiere zu. D.h. der Intensiv-Tierhalter empfindet die geltenden Tierschutzrechtsnormen als zu streng und fürchtet um den Verlust seiner Konkurrenzfähigkeit im globalen Wettbewerb. Darüber hinaus erkennt die Gesellschaft nicht, dass der Amtstierarzt nicht nur allein dem Wohl des Einzeltiers verpflichtet ist, sondern gleichermaßen dem öffentlichem Interesse an Gesundheit und Ressourcenschonung. Genau zwischen diesen diametral auseinander liegenden Erwartungen ist das Arbeitsfeld des Amtstierarztes angesiedelt. So steht laut Prof. Kunzmann das Handeln der Amtstierärzte derzeit immer im Auftrag einer zerrissenen Gesellschaft. Prof. Grimm beschreibt in seinem Wegweiser der „Ethik in der amtstierärztlichen Praxis“ den Amtstierarzt als „moralischen Sündenbock“. Die Gesellschaft akzeptiert die derzeit praktizierte Haltung von Nutztieren nicht mehr.

Anstatt jedoch auf die Änderung rechtlicher Rahmenbedingungen einzuwirken, Konsumverhalten zu ändern also Verantwortung zu übernehmen, zeigt der Verbraucher auf den Amtstierarzt, damit dieser tätig wird. Diesem sind bei rechtskonformen Haltungsbedingungen aber die Hände gebunden. Als ob dies nicht schon genügt, schreiben Kreise von Tierschutzorganisationen dem Amtstierarzt eine persönliche Garantenstellung bzgl. der Einhaltung der Tierschutznormen zu. Mit Strafanzeigen wird der Amtstierarzt verfolgt, in dessen Zuständigkeitsbereich ein Tier nicht so gehalten wird, wie es sich die Tierschutzorganisation wünscht. Dazu kommt noch, dass die Verfolgung und Anzeige festgestellter Verstöße gegen das Tierschutzgesetz durch die Justizbehörden von vielen Amtstierärzten als unbefriedigend empfunden wird. Diese Situation wird durch Angela Bergschmidt vom Thüneninstitut Braunschweig in ihrem Gutachten vom Juli 2015 bestätigt (Bsp.: erschlagener Hund, trotz Beweissicherung stellt Staatsanwalt ein). Diesem Druck kann niemand – auch kein Amtstierarzt - dauerhaft standhalten und muss es auch nicht. Dies zu erkennen und auszuhalten wird für den Arbeitsalltag der ATÄ immer wichtiger, denn die amtstierärztliche Praxis stößt allzu häufig auf unterschiedlichste Fragestellungen und schwer lösbare Probleme:

  • z.B. die prophylaktische Tötung von empfänglichen Tieren im Seuchenfall (Keulung von 1200 gesunden Schweinen, Räumung eines Geflügelpestsperrbezirkes)

  • z.B. die Kontrolle von Heimtier-, Reptilien- und Exotenhaltungen z.B. die Beurteilung tierschutzrelevanter Trainingsmethoden im Pferdesport Dabei sind auch menschliche Schwierigkeiten und Tragödien an der Tagesordnung

  • z.B. Wegnahme von Hunden (Animal Hording); Besitzerin erleidet Schlaganfall; ATÄ werden als Mörder beschimpft- eine ATÄ dauerhaft psychisch erkrankt mit Suizitgefährdung

  • z.B. Erschießung eines Mitarbeiters eines Veterinäramtes bei der Wegnahme von Rindern Das Töten von Tieren, sei es bei der Schlachtung zum Zwecke der Lebensmittelgewinnung, die Keulung von empfänglichen Tieren im Rahmen der Seuchenbekämpfung oder die Anordnung einer Euthanasie im Einzelfall erfordert ein Stellungbeziehen des Amtstierarztes.

Und wie auch immer sein Handeln ausfällt – er wird immer in der Kritik eines Teils der Gesellschaft stehen. Angesichts der gestiegenen psychischen Belastungen der Amtstierärztinnen und Amtstierärzte durch Konflikte mit finanziell an der Wand stehenden Tierhaltern, mit Tiersammlern und –helfern ohne Sachverstand sowie den moralisch letztinstanzlich auftretenden NGOs ist es sicher nicht zielführend, Vollzugsdefizite verstärkt mit disziplinarrechtlichen Konsequenzen lösen zu wollen (siehe SPD Positionspapier zu Antibiotikareduzierung).

Die aktuelle Debatte zur Nutztierhaltung ist mehr als überfällig, auch um den Amtstierärzten eine handlungsfähigere, befriedigendere Position zu verschaffen. Wie wollen wir mit unseren Tieren umgehen? Darf man die artgemäße Tierhaltung weiter einschränken? Hier geht es nicht um die Konfrontation mit den Tierhaltern, sondern um die Änderung wissenschaftlich belegter Haltungsdefizite und die gesellschaftliche Akzeptanz, dass ein „Mehr“ an Tierwohl mehr Geld kostet, eben auch einen moralischen Mehrwert besitzt.

Die vielfach durchgeführten Eingriffe an Tieren sind zwar durch das Tierschutzgesetz zulässig, aber gesellschaftlich auf Dauer inakzeptabel. So u.a. das Enthornen von Kälbern, das Kürzen der Schnäbel bei Puten und Legehennen, das Schwänze kürzen und Zähne schleifen bei Ferkeln. Hier findet ein „Zurechtschneiden“ des Tieres an die Haltungssysteme statt. Das durch die Gesellschaft geforderte Unterlassen dieser Eingriffe ohne gravierende Änderungen der Haltungssysteme ist aber ebenfalls kritisch zu sehen. Es sind Wege zu gesellschaftlich akzeptierten Tierhaltungen zu finden. In Bezug auf Nutztiere ist das aktuelle Gutachten des wissenschaftlichen Beirates für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft beachtenswert. Der Beginn des gesellschaftlichen Umdenkens wird in der Tierwohlinitiative des BMEL und deren Unterstützung durch die Wirtschaft widergespiegelt. Tierschutzinnovationspreise und Tierschutzlabels werden ausgelobt, um tierethische Definitionen wird gerungen. Damit dies nicht nur marketingwirksame Aussagen bleiben, bedarf es verbindlicher Normen und einer finanziellen Absicherung. Gegenwärtig bestimmen einzig Angebot und Nachfrage, z.B. bei Milch, Fleisch und Eiern, den Preis und damit auch das Geld, welches für Tierwohl zur Verfügung steht. Das Angebot ist groß und die zu erzielenden Gewinne sind niedrig. Die Erzeuger versuchen, Erlösverluste durch Effizienzsteigerung auszugleichen. Das heißt, noch mehr oder noch billiger zu produzieren - oder beides. Mit dieser Strategie lässt sich der Teufelskreis bzw. das Dilemma des Verramschens hochwertiger Lebensmittel nicht durchbrechen. In der gegenwärtigen Wertschöpfungskette ist kein finanzieller Spielraum für ein Mehr an Tierschutz. Eine Tierschutzsteuer auf alle im Einzelhandel angebotenen Lebensmittel tierischen Ursprungs könnte billige Produkte wieder zu wertgeschätzten wandeln. Diese Einnahmen könnten zweckgebunden zum Tierwohl im eigentlichen Sinne eingesetzt werden, z.B. zur Befriedigung von Grundbedürfnissen wie Auslauf, Weidegang und Beschäftigung, zur Ermöglichung der tierärztlichen Therapie von Einzeltieren sowie zur Finanzierung der Unterbringung von Fund- und herrenlosen Haustieren. Auch die Finanzierung behördlicher Vorortkontrollen wäre so sicherzustellen.

Forderungen:

  • Tiergesundheitsdatenbank

  • Tierschutzsteuer auf Lebensmittel tierischen Ursprungs

  • Abkehr von der Verdinglichung und Möglichkeit zur Einzeltierbehandlung

  • Darstellung der amtstierärztlichen Tätigkeit in den Medien (Zugehen auf die Medien in „Friedenszeiten“, um Verständnis für die amtstierärztliche Arbeit hervorzurufen)

  • Aus- und Fortbildung der Amtstierärzte in ethischen Fragen, Medienkompetenz und Psychologie (vgl. aktueller bayerischer ATA-Kurs, TiHo Hannover)

  • Rechtssicherheit durch die juristische Beleuchtung der Garantenpflicht

  • Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften

Dr. Holger Vogel
Präsident des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte e.V.

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