Liebe Leser, liebe Leserin, liebe Kollegen, liebe Kolleginnen,

unsere diesjährige Pressemitteilung zum unserem 30. Internationalen Veterinärkongress hat deutliche Reaktionen hervorgerufen. Die Zuchtverbände der Rinder, Schweine und Geflügelhalter fühlen sich angegriffen und haben auf unsere Pressemeldung reagiert. Das Schreiben der Zuchtverbände kann im Internet nachgelesen werden. Meine Antwort vom 11.07.2011 können Sie hier lesen (aktivieren Sie den Link "Bitte lesen Sie hier weiter").

Mit freundlichem Gruß
Dr. Martin Hartmann
Präsident des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte e.V

 

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BUNDESVERBAND DER BEAMTETEN TIERÄRZTE
Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Dienst e.V.
Der Präsident
BbT, Hindenburgstr. 58, 74613 Öhringen

ADR – ZDS – ZDG
Adenauerallee 174
53113 Bonn


Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihr gemeinsames Schreiben vom 01.06.2011 zur Pressemitteilung des BbT „Beamtete Tierärzte lehnen die einseitige Ausrichtung der Nutztierzucht auf Leistung ab“. Mit Interesse habe ich Ihre Position zu unserer Forderungen und Ihr Angebot, uns  Einzelheiten der Züchtung zu erläutern, gelesen.

Sie schreiben, dass der pauschale Vorwurf einer einseitigen Zucht als unberechtigt zurückgewiesen werden müsse, und führen Beispiele an, die belegen sollen, dass Merkmale der Tiergesundheit und allgemeinen Fitness bereits ausreichend in den Zuchtprogrammen berücksichtigt würden.

Bevor ich darauf eingehe, möchte ich betonen, dass wir wie Sie der Meinung sind, dass gesunde robuste Tiere die Grundvoraussetzung für eine wirtschaftliche Nutztierhaltung sind. Wir streben letztendlich dasselbe Ziel, nämlich gesunde Tiere mit hoher Lebensleistung, an.

Entscheidend ist aber die Frage: Wie sieht heute das Ergebnis der Berücksichtigung der Tiergesundheit in der Realität in den Nutztierhaltungen aus?

Festzustellen ist, dass die Leistungen der Nutztiere in den letzten Jahrzehnten bei Kühen, Sauen, Mastschweinen, Legehennen und Mastgeflügel im Hinblick auf die Milchmenge einer Laktation, die jährliche Ferkelzahl bzw. die täglichen Zunahmen bei Masttieren kontinuierlich auf ein enormes Niveau gestiegen sind. Gleichzeitig ist jedoch eine deutliche Zunahme von leistungsbedingten bzw. leistungsabhängigen Gesundheitsstörungen zu verzeichnen.

Die durchschnittliche Nutzungsdauer beim Rind hat in den letzten Jahren bei MLP-Kühen, je nach Rasse, auf 2,8 – 2,0 Laktationen abgenommen, wobei dieser Trend offenbar anhält. Wesentliche Ursache dafür ist die starke Zunahme der krankheitsbedingten Abgänge (Fruchtbarkeitsstörungen, Euterkrankheiten, Stoffwechselstörungen, Klauen - und Glied­­maßen­krank­heiten), die mit steigendem Leistungsniveau offenkundig und nachweislich zunimmt.
Spitzenmilchleistungen sind daher bei gleichzeitig weiter zurückgehenden durchschnittlichen Laktationszahlen und der Zunahme von Tierleiden und - schäden weder unter tier­züchterischen noch unter betriebwirtschaftlichen und erst recht nicht unter tierschützerischen Aspekten ein Anlass für Zufriedenheit.

Bei den Schweinen ist durch die Zucht auf größere Würfe der Prozentsatz der tot geborenen Ferkel, vermutlich durch intrauterine Nahrungskonkurrenz, zwischen dem Jahr 2000 und 2008 von 4,7% auf 6,9% gestiegen. Ebenso werden mehr leichtgewichtige Ferkel geboren, deren Überlebensrate bis zum Absetzen deutlich reduziert ist. Die durchschnittliche Nutzungsdauer bei Sauen beträgt, je nach Rasse, nur noch 3,7 – 5,0 Würfe. Der Grund für die Verringerung der Wurfzahlen ist v.a. die hohe Zahl von Abgängen nach Fruchtbarkeitsproblemen. Dafür werden ursächlich die hohen Aufzuchtleistungen verantwortlich gemacht. Der Zuchtfortschritt erfolgt auf Kosten dieser Tiere und ist damit tierschutzrelevant.

Durch den züchterischen Fortschritt in den letzten Jahren erfolgte bei Mastputen ein enormer, selbst von Putenmästern kritisch betrachteter Zuwachs an Lebendmasse bei gleichzeitiger Verkürzung der Mastdauer. Von der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde werden als „korrelierte unerwünschte Selektionsfolgen“ u.a. Beinschwäche und Brustblasen genannt. Verantwortlich für diese mit einer hohen Inzidenz auftretenden Probleme werden v.a. die schweren Herkünfte gemacht. Die degenerativen Folgeschäden sind sehr schmerzhaft und damit eindeutig tierschutzrelevant.

Die angeführten Zahlen und Erkenntnissen, auf die ich mich bei dem sehr umfangreichen, vielschichtigen Thema beschränkt habe, stammen aus einer Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten und Veröffentlichungen. Dazu gehören auch die Jahresberichte der ADR und des ZDS. Wegen der besseren Lesbarkeit habe ich sie ohne Quellenangabe in den Text übernommen.

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass selbst in Züchterkreisen die hohe Remontierungsquote bei Rindern und Schweinen beklagt wird, weil dadurch die Möglichkeiten zur Zuchtauswahl bei den weiblichen Tieren erheblich eingeschränkt werden und alle Nachteile von z. B. überproportional vielen Jungsauenwürfen zum Tragen kommen.

Natürlich spielt neben den zuchtbedingten Einflüssen auch das Haltungsmanagement eine wichtige Rolle. Eine alleinige Veränderung der Haltungsbedingungen führt aber nicht zu einer deutlichen Verbesserung der Situation. Die Veranlagung zu Milch- und Fleischleistung bzw. Ferkelzahl ist genetisch determiniert; nur deshalb können diese Merkmale züchterisch beeinflusst werden. Es ist auch anerkannt, dass eine einseitige Selektion auf Produktion die Gesundheit und Fitness negativ beeinflusst. Es werden daher in vielen Zuchtprogrammen bereits verstärkt indirekte Merkmale zur Erhöhung der Nutzungsdauer verwendet. Wirkliche Veränderungen bei den geschilderten Auswüchsen können aber nach meiner Ansicht nur bewirkt werden, wenn von einem weiteren Ausbau der bereits jetzt enormen Leistungsveranlagung der Tiere Abstand genommen wird. Eine etwas weniger stark ausgeprägte Leistungsveranlagung würde auch vielen Tierhaltern ermöglichen, die Tiere tatsächlich leistungsgerecht zu füttern und zu versorgen, wodurch der Einfluss von optimierten Haltungsbedingungen und gutem Management auf die Tiergesundheit verstärkt zum Tragen kommen könnte.  Meines Erachtens muss, gerade um der Tierhalter und der Tierzuchtziele willen, die Diskussion um die Leistungsziele, die sich in den Zuchtzielen widerspiegeln, geführt werden.

Wir Tierärzte im öffentlichen Dienst werden dieses Thema in den nächsten Monaten forciert angehen und versuchen, in Gesprächen mit dem Deutschen Bauernverband, den Tierzuchtorganisationen, Wissenschaft, Verwaltung und Politik bundesweit den aktuellen Stand der Tierzucht bei Nutztieren zu diskutieren und gemeinsame Wege für eine tiergerechte, nachhaltige und ökonomische Tierzucht vor- und einzuschlagen.

Ich würde mich freuen, wenn Sie dabei wären.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Martin Hartmann

Eine Mehrfertigung dieses Schreibens erhalten die Referate für Tierzucht und Tierschutz des Bundes und der Länder zu Kenntnis.

 

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