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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser, 

Dr. Martin Hartmann hat sich mit dem letzten Editorial als Präsident von Ihnen verabschiedet und den neu gewählten Vorstand des BbT vorgestellt. Wir wünschen Herrn Dr. Hartmann Erfolg in seiner Funktion als Landestierarzt von Baden-Württemberg und uns seine weitere Unterstützung. 

Die allgegenwärtige Erneuerung unserer Arbeitssituationder rechtlichen Vorgaben und der Strukturen ist nicht immer mit Fortschritt gleichzusetzen. Sie führt vielmehr mit zu einer bunten Veränderung bei den Rechtsetzungen, deren Lesbarkeit und Umsetzbarkeit oft zu wünschen übrig lassen. Ausführungsbestimmungen und Erklärungen zu Erklärungen sind notwendiger Alltag. Aber davon sprach schon Abraham Lincoln. 

Wenngleich der Berufsstand der Amtstierärzte oftmals nicht mehr durch verbeamtete Tierärzte vertreten wird, so bleibt die berufene Aufgabenerfüllung doch sisyphosgleich der „einen Gesundheit – one health“ verpfl ichtet. Zoonosen, Tierseuchen und gesundheitlicher Verbraucherschutz entlang der Lebensmittelkette sind ständige Herausforderungen im Zwiespalt von Anspruch und Wirklichkeit. 

Die Begriffe Tiergesundheit, Tierwohl und Tiergerechtheit sind künftig noch differenzierter zu betrachten. Hohe Leistungen von Nutztieren allein sind eben nicht automatisch Beweis einer tiergerechten Haltung, sondern zeugen lediglich von Effi zienz im wirtschaftlichen Sinne. 

Der derzeitige technische Entwicklungsstand der Tierhaltungsanlagen ist den gegensätzlichen Sichtweisen in der Gesellschaft entsprechend entweder beklagenswert oder modern-effi zient. In jedem Falle ist er Stand der mehrheitlich gesellschaftlich tolerierten bzw. gewollten Entwicklung. Änderungen sind aus tierärztlicher Sicht ganz sicher erforderlich, diese sind aber rechtssicher und vor dem Hintergrund globaler Warenströme vorzubereiten. Hierfür ist mindestens auf europäischer Ebene ein rechtlicher Konsens anzustreben. 

Der vielfach in der veröffentlichten Meinung dargestellte Wunsch der Verbraucher bzgl. einer auf das Tierwohl ausgerichteten Nutztierhaltung spiegelt sich bei ihrem Kaufverhalten nicht wider. Lebensmittel-Billigangebote werden vom Verbraucher nicht als würdelos empfunden, sondern werden gekauft getreu der Feststellung Berthold Brechts „Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral“. 

Eine Werteänderung beim Konsum von Lebensmitteln wäre wünschenswert, ist aber wohl nicht in greifbarer Nähe. Diese könnte die Wende von einer quantitativ erreichten Überversorgung mit Lebensmitteln zu einer qualitativ hochwertigeren Versorgung im Sinne der Tiergerechtheit sein. Von der Gesellschaft werden moralisch hohe Ansprüche an die Erzeuger gestellt und von den Überwachungsbehörden als Garanten des Tierschutzes verlangt. Eine auch nur ansatzweise Mitverantwortung des Verbrauchers an der aktuellen Situation wird allerdings ausgeblendet. Genuss ohne Reue, wie es die Werbung verspricht. 

Herzlichst Ihr
Dr. Holger Vogel 
Präsident Bundesverband der beamteten Tierärzte e.V.
Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Dienst